Die transsibirische Eisenbahn (1) – Immer mit der Ruhe

Ich kenne die russischen Züge. Ich kenne die vollen Waggons, die sich wiederholende sanfte Musik der rauschenden Schienen und den Geschmack des heißen Tees auf der Fahrt. Zu den russischen Zügen gehören auch die dreckigen Toiletten, das unfreundliche Personal und die schlaflosen Nächte.
In Moskau eilten wir zu einem Zug, der ganz anders war, als alles, was ich bisher kannte. Dieser Zug war berühmt, er würde uns auf einer legendären Strecke bis an das östlichste Ende der uns vertrauten Welt bringen. Es war die Reise mit der transsibirischen Eisenbahn.

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Hoffnungsvoller Blick in die Zukunft. Was erwartet uns?

In Moskau an einem grauen und leicht kühlen Augustabend standen wir vor ihm. Von außen waren die Waggons vergleichbar mit anderen russischen Zügen, nur ihre Farbe weichte von dem gewohnten ab. Auf einem grauen Hintergrund leuchtete die rote Schrift “Pro”.

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Die Massen der Passagiere drängten sich in einer Schlange in die Waggons und schoben ihr schweres Gepäck vor sich. Ob die Reise angetreten werden kann oder nicht, überprüfte ein Schaffner vor jedem Waggon. Flink suchte er nach unseren Namen in seinem elektronischen Gerät. „Online-Tickets?“ „Ja.“ „Gut“. Erste Hürde überwunden.

Wir quetschen uns mit unseren großen Rucksäcken durch den Korridor des Waggons und fanden unsere beiden Liegen. Weil ich bei der Buchung Pech gehabt habe, waren nur noch zwei Plätze entlang des Korridors für uns verfügbar. Uru bekam die Liege unten, ich die Liege oben. Das passte mir gar nicht. Ich bin zu groß, um oben auf der Liege gerade zu sitzen oder mich einfach nur auszustrecken. Auch ist es ein kleiner Akrobatikakt notwendig, um sich ohne Leiter nach oben zu schwingen.

TransSib3-0652
Die dritte Klasse als “Hostel auf Rädern”

Mit unserem seltsamen Gepäck, der Ukulele und natürlich unseren bunten Jacken, erregten wir Aufmerksamkeit bei den Leuten. Blicke folgten uns. Doch sie deuteten auf eine freundliche Neugierde hin. Noch war alles still.

Pfeifen von draußen, ein Schrei und endlich ruckelte der Zug. Wir fuhren los. Ab diesem Punkt begann für uns das Abenteuer, das Eintauchen in eine fremde Welt. Nach dem Ural würde eine endlose Landmasse auf uns warten: Sibirien. Es kribbelt ein wenig in mir, denn östlicher als Moskau bin ich noch nie gewesen. Uru ebenfalls nicht. Was würde uns auf der Fahrt und unseren Stationen in Jekaterinburg, Novosibirsk, Ulan Ude und Wladiwostok erwarten?
Für unsere erste Strecke waren wir bestens gerüstet und in den 24 Stunden bis nach Jekaterinburg würden wir nicht verhungern. Das Essen kauften wir vor Reisebeginn im Supermarkt. Dies war deutlich billiger, als die angebotenen Speisen im Zug. Das Trinken würde uns ebenfalls nicht ausgehen, denn in jedem Wagon versorgte ein großer Wasserboiler die Passagiere mit heißem Wasser.

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Freund oder Feind? Der übergroße “Samowar”

Praktisch für Tee und Suppen. Hier sorgte ich ebenfalls mit Reisegeschirr vor. Ein guter Russe hat immer seine gläserne Teetasse mit verzierter Glashalterung dabei.

tee (1)
Original HIER

In den ersten Stunden knabberten wir an unseren mitgebrachten Chips und beobachteten die Landschaft. Moskau verschwandt erst nach einiger Zeit und mit der Stadt auch das Licht. Grau verwandelte sich zu schwarz.  Mit der Dunkelheit dämmten sich die Lichter im Waggon und die Gespräche der Leute wurden leiser. Unser Waggon der dritte Klasse bot für 52 Menschen Platz. Es reisten Arbeiter, Familien und auch Einzelpersonen zu unbekannten Zielen. In manchen Gesichtern konnte ich Müdigkeit, Vorfreude auf ein Wiedersehen oder einfach nur Langeweile ablesen. Für die meisten hier war das kein Abenteuer, eher Routine oder Pflicht.

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Man vertreibt sich die Zeit mit Kaffee und Karten

Die Nacht trat hier bereits gegen zehn Uhr ein. Keine Musik, kein lautes Lachen und keine alten Omis, die zu laut mit ihrem Handy telefonieren, unterbrach das ewige klappern der Schienen. *Tschtschk, Tschtschk* gaben die Räder von sich, fast schon hypnotisch. So ereilte der Schlaf schnell und der stickige Wagon dämpfte die Sinne. Gleich den Grillen in der Nacht, erhob sich ein Chor von individuellen Geräuschen: Das Schnarchen der Leute war hier die Musik der Nacht. Mal lauter, mal leiser, synchron oder dissonant. Eine unsichtbare Hand dirigierte dieses Orchester. Ich packte meine Kopfhörer aus und schaltete die Musik an.

Weil wir im Korridor schliefen, gingen die Leute ununterbrochen an uns vorbei. Einige  redeten leise miteinander, andere streiften ab und zu an meinen heraushängenden Füßen vorbei und andere brachten ihr Raucherwolke mit in den Wagon. Doch keine betrunkenen und überlauten Männer nahmen uns den Schlaf, ja selbst die Kinder schliefen. Dies war schon fast ein zu ruhiger Anfang für ein Abenteuer.

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Wo Träume noch Zeit haben. Es eilt doch nicht

Schlafen kann man in der dritten Klasse jedoch nie ausreichend. Das erste Tageslicht weckt  die Frühaufsteher und diese wecken den Rest. Ein ungeschriebenes Gesetz. Zeit zum frühstücken. Kekse, Tee und Obst. Unsere Nachbarn gegenüber wurden durch unsere Unterhaltungen neugierig. Wir waren Ausländer die zu bunt angezogen waren und Englisch sprachen. Zwei älteren Damen und ein Herr, fragten mich vorsichtig im gebrochenem English. „Where do you from?“ Ich antwortete ihnen auf Russisch „Mi is germanii, puteschestwaim po miru…“ Sie waren überrascht zu hören, dass wir zwei „Deutsche“ eine solche Strecke fahren. Niemand von ihnen war jemals so weit gereist. Im Verlauf des Gesprächs wurden andere Nachbarn hellhörig und setzten sich zu uns. Die Atmosphäre war ausgelassen und offen. Nur Uru blieb etwas isoliert. Ich versuchte ihr das Gespräch zu übersetzen. Doch auch das förderte nicht ihre Integration. Russland spricht russisch. Mit Englisch hat sich schon so manch Reisender verhangen und verheddert. Vorsicht!

Die letzten Stunden vor dem Ziel verstrichen schnell. Grüne Landschaften, geprägt von Nadelbäumen und Birken wichen den ersten kleinen Häusern, dann den großen Gebäuden. Die Abendsonne verwandelte die kommende Stadt in eine goldene Lüge und tröstete über die vorhandene Kälte hinweg.

Jekaterinburg empfing uns mit nur 15 Grad. Rund um den Bahnhof war das Stadtbild eher trist. Selbst die „Hasenohrenbusse“ (elektrisch betriebene Busse mit zwei Antennen) sahen aus, als seien sie seit über 40 Jahren im Dienst.

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Der Zweiohrbus…äh Keinohrbus…ah egal

Später würde uns die Stadt ein ganz anderes Bild bieten, doch dies sei eine andere Geschichte.

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Jekaterinburg von seiner weniger schönen Seite

Liebe Leser und Freunde, hier endet unser erster Teil der Erzählung.

Seit ihr etwas eingetaucht in das Erlebnis oder seid ihr gleich am Anfang fortgefahren?

Lasst ein Kommentar da und wir sehen uns in zwei/drei Tagen wieder.

Artur

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2 thoughts on “Die transsibirische Eisenbahn (1) – Immer mit der Ruhe

  1. Sehr sympathisch geschrieben, bin schon gespannt auf die anderen Teile! Für Uru führt kein Weg dran vorbei, Sie sollte lieber russisch lernen! 😉
    Geht dir Reise denn bis nach Peking? Wie ist es mit den zwischenhalten geregelt? Macht dort der Zug für einige Zeit Rast oder steigt ihr auf einen anderen Zug um?

    Viele Grüße,
    Strachil

    Liked by 1 person

    1. Hey, danke für den Lob und die Anmerkung. Die Route führte nur durch Russland, also Moskau bis Wladivostok. So war es einfacher für uns bis nach Seoul zu kommen. Zum anderen waren wir sprachlich auf sicheren Boden (zumindestens ich) und ein aufwendiges Mehrfachvisum war für Russland nicht notwendig.
      Die Zwischenstation lagen bei ausgewählten Städten, die uns interessant erschien. Man kann einfach von einem Ort zum anderen ein Ticket buchen. Die Züge sind dann natürlich andere. Generell verkehren zwischen den Städten in Sibirien pro Tag bis zu drei Züge. Sie bilden die transsibirische Strecke.

      Artur

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