Die transsibirische Eisenbahn (2) – Wo bleibt der Wodka?

Wenn ich im Nachhinein über das Abenteuer in der transsibirischen Eisenbahn nachdenke, erscheint mir mein Zeitgefühl paradox. Eigentlich hätte sich die Reise in einem langsamen, ja langweiligen Tempo, vollziehen müssen. Auf den fast 10.000 Kilometer von West bis nach Ost fuhren wir in einer Geschwindigkeit von 60-80 km/h und machten unterwegs mehrere Zwischenhalte. Rechnet mal nach, wie lange die Bahn eigentlich fährt.

Doch die Reise war keineswegs langsam. Die zwei Wochen unterwegs verstrichen viel zu schnell. Was bleibt sind bunte Erinnerungen und einige scharfe Bilder von Menschen und Orten, lächelnd und sanft. Warum sind die Gedanken daran immer so inspirierend und traurig? Jede Reise hat ihr Ende.

Unser Aufenthalt in Jekaterinburg war kurz. Wir verweilten nicht einmal 24 Stunden in der Stadt. Die meiste Zeit widmeten wir unseren Couchsurfing Gastgeberin, Eva. Danke dir für die schöne Zeit!

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Blick in eine hoffnungsvolle Zukunft 2

Am Abend des nächsten Tages reisten wir bereits ab. Ein neuer Zug mit gleicher Reisesituation. Wir schliefen wieder in einem Waggon der dritten Klasse.  Diesmal habe ich zwei Liegen in einem Abteil reserviert. Uru bekam die oberen Liege, ich die untere. Hurra! Auf dieser Strecke würde ich leichter schlafen, ohne mit der Angst zu leben, bei einer Notbremsung aus 2 Metern Höhe zu fliegen.

Der Zug fuhr pünktlich los, als könnte er die frische des Abends nicht mehr aushalten. Ich schaute noch einmal verwirrt auf die Uhr, die Zeit stimmte nicht. Das System war mir zu merkwürdig. Mit den Abfahrtszeiten kann man sich hier schnell vertun, denn alle Züge auf der transsibirischen Strecke fahren nach Moskauer Zeit. Sibirien ist das größte Land der Erde mit acht (?) Zeitzonen. Und dennoch richten sich alle Züge und Abfahrtzeiten entlang der transsibirischen Strecke nach der Moskauer Zeit (wollt ihr sicher mit der transsibirischen Bahn reisen, dann lest HIER meine Tipps für die Fahrt). Ich stellte meine Uhr wieder um und rechnete die Dauer der Fahrt in meinem Kopf aus. Etwa 24 Stunden würden wir von Jekaterinburg bis nach Novosibirsk brauchen.

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Die Wolken malten uns ein tolles Bild bei der Weiterreise

Die ersten zehn Minuten der Reise begannen mit dem üblichen Kennlernritual mit der wichtigsten Person im Zug (nein nicht der Führer), dem Schaffner. Dieser gibt die frischen Bettbezüge aus und an seiner/ihrer ersten Handlung kann schon erfahren, ob er/sie eine angenehme Person ist. Ist der Schaffner mürrisch oder hektisch, sollte man ihm lieber aus dem Weg gehen. Ein ausgelassener oder ruhiger Schaffner dagegen, ist immer für einen Plausch zu haben. Vorausgesetzt man beherrscht die Russische Sprache.

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Der Schaffner in Uniform. Original HIER

 

Nach der Verteilung der Bettutensilien wurden die Decken bezogen. Hier spielte sich ein anderes Ritual ab: Alle Mitreisenden meckerten wie üblich über die schlechte Klimaanlage im Waggon. Andere wunderten sich, wo eigentlich ihre Decken und Kissen abgeblieben sind. Nach erfolgreicher Suche und weiteren Tauschaktionen, war das Eis unter den Passagieren meist gebrochen. Unsere “Zimmergenossen” waren eine jüngere Frau, die auf der Fahrt kein Wort sagte, und eine ältere Dame. Nach den ersten Smalltalk mit der Dame, wurden gleich Tee und Kekse angeboten. Essen und Trinken verbindet Menschen auf der ganzen Welt, also nicht abschlagen, auch wenn es sich bewegt. Gut in Russland gab es eigentlich eins, was mir persönlich Sorgen gemacht hat, Wodka. Doch das russische Nationalgetränkt fehlte auf den Tischen im Waggon. Vielleicht weil es hier kaum Männergruppen oder alleinreisende Männer gab oder weil wir einfach den falschen Waggon erwischt haben.

Irgendwo floss der Raketentreibstoff dennoch, denn in der Nacht, als unser Wagen schon dunkel und friedlich war, torkelte ein sehr glücklicher Mann durch den Korridor. Scheinbar hatte er sich verirrt, denn er ging auf und ab. Nach seiner erfolglosen Suche legte sich einfach auf eine freie Liege vor uns. Das ging in Ordnung. Sein Schnarchen war nicht ungewöhnlich oder auffällig, aber seine Füße ließen uns keine Ruhe. Ihre Geruchswolke schlich langsam und penetrierend in meine Nasen und weckte mich aus dem Halbschlaf. Ich war nicht der Einzige. Andere Nachbarn wurden wach. Ich hörte, wie sie sich leise zusammentaten und über das Problem diskutierten. Manchmal hörte ich das Wort “Wodka”. Wodka hilft in Russland scheinbar gegen alle Sorgen. Doch dann schlich eine mutige Nachbarin, bewaffnet mit einem Deo-Spray zur Quelle des Übels. Heimlich besprühte sie die Socken. Wenig später tat es ihr eine andere Frau gleich. Doch das alles trug nicht zur allgemeinen Verbesserung bei. Danach geisterte in der Luft eine interessante Mischung aus Käse, Schweiß, Chemikalien und Vanille. Ich schütze mich mit meiner Decke vor dieser Katastrophe. Der Schlaf war kurz.

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Wie sehr ich kurze Nächte liebe…

Am nächsten Morgen war der Mann so verschwunden, wie er gekommen war und wir erfreuten uns am Geruch vom frischen Tee und mitgebrachten türkischen Bananen. Wir hatten genügend Zeit, um unsere Nachbarn kennenzulernen. Diesmal erregte Uru die Aufmerksamkeit der Leute. In Russland konnte sie als Nordspanische Frau die Blicke der Männer auf sich ziehen, doch heute begeisterte sie alle Anwesenden mit Musik. Sie holte unsere Ukulele heraus und begann, “Don’t worry be happy” zu spielen. Nachdem meine schiefe Stimme hinzugab, mussten die Leute einfach nur zu uns herüberschauen. Die meisten wirkten glücklich und neugierig, was für eine Erleichterung. Unser erstes freies Konzert war doch ein Erfolg. Eine junge Künstlerin neben uns war so begeistert von der Ukulele, dass sie sich später ebenfalls traute zu spielen.

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Wie die Zeit vergeht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Noch mehr Leute, angezogen von der Musik und von den zwei attraktiven Frauen, setzten sich in unser Abteil. Mit der fröhlichen Musik aus Adventure Time “The Butterflies and Bees” kamen wir alle ins Gespräch über Kulturen und das Reisen selbst. Mit dieser positiven Energie verging die Fahrt so schnell, sodass die Landschaft auf der Fahrt uns kaum in Erinnerung blieb. Irgendwas mit Grün und Bäumen. Zum fotografieren war der Zug leider zu schnell.

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Oft liegen auf der Strecke kleinere Dörfer

Unser nächstes Ziel rückte immer näher. Novosibirsk, die junge Stadt auf der transsibirischen Strecke. Groß, einladend und erfolgreich sollte sie sein. Dieser Stadt möchte ich gerne einen eigenen Artikel widmen, insbesondere als Dank für unsere fantastische Couchsurfing Gastmutter.

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Novosibirsk läd ein

Die zwei Tage vergingen wie immer zu schnell. In der herannahenden Nacht und den angehenden Lichtern verließen wir die Stadt und stiegen in unseren vorletzten Zug ein. Vor der Abreise wurden wir noch mit einem Festessen versorgt. So stürzten wir gleich auf die Liegen und verschoben den sozialen Aspekt auf den nächsten Tag. Die Abfahrt bemerkten wir kaum, nur Lichter und Farben rauschten an uns vorbei, zum ruhigen Klang der Schienen.

 

Hat euch der Beitrag gefallen? Habt ihr Fragen?

Lasst einen Kommentar zurück.

Bis in einpaar Tagen.

 

Artur

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Mr. Eggmustache freut sich über eure Anmerkungen
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