Die transsibirische Eisenbahn (3) – Feuer

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Leben und Lieben auf der Strecke

Plan deine eigene Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. HIER einpaar Tipps.

Die kleine Box

Manchmal ist der Zug eine kleine Box. Auf engen Raum drängen sich Menschen zusammen, geordnet und gestapelt. Der Zug achtet nicht auf Raum, nur auf die Zeit. Er fährt erbarmungslos nach vorne. Transportiert die eingesperrten Menschen von einem Punkt zum anderen. Der Kontakt zur Außenwelt erfolgt nur durch das Fenster, kein Funk, kein Internet. Wenn sich die Türen wieder öffnen, dring mit der frischen Luft ein neuer Passagier in den Wagon, ob er wohl Neuigkeiten mitbringt?

Die Ablenkungsmöglichkeiten sind hier beschränkt und die meiste Zeit verbringt man mit Schlafen und Essen. Die Zeit formt sich zu einer vor sich hin schwankenden Masse, die mal kleiner, mal größer erscheint. Wo bleibt hier das Abenteuer, die Exotik und die Ferne?

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Blick in eine hoffnungsvolle Zukunft 3

Vielleicht die Spannung im Zug zu reisen darin, seinen bequemen Bereich zu verlassen und sich unbekannten Zielen und Wegen hinzugeben. Man hofft auf neue Entdeckungen, meistert dafür beharrlich die Strapazen, um endlich vor dem erwarteten Bild zu stehen. Vielleicht besteht der Grund der Reise sich von seinen alten Verantwortungen zu entledigen, den öden Alltag einen Sonnenhut zu verpassen oder ihn in unbekannten Alkohol zu ertränken.

Für manch Reisenden kommt auf der Fahrt der Moment, wo plötzlich alles still steht, der innere dauerhafte Lärm erlischt und eine neue Stimme erklingt. Es ist das Gefühl sich selbst zu hören. All die unterdrückten Fragen und Ängste dringen plötzlich an die Oberfläche. Diese, die wir so sorgfältig in unserem Alltag in kleine Schubladen verschlossen haben, finden ihren Weg in die Freiheit. Es ist die Freiheit in der kleinen Box.

Vielleicht ist dies das Abenteuer in der transsibirischen Eisenbahn. Russland und Sibirien können die Innen- und Außenansicht nachhaltig prägen, aber nie so, wie du es erwartest.

Guten Morgen Eisenbahn

Unsere neue Route verlief von Novosibirsk bis an die südliche Grenze Sibiriens. Dort nahe der Mongolei lag die bureatische Stadt Ulan Ude. Der kleine und unbekannte Bruder der Stadt Irkutsk.

Ulan Ude wurde ausdrücklich von meiner Mutter empfohlen. Wir sollten uns doch einige Tage frei nehmen und den größten See der Welt betrachten. Alle weiteren Personen auf unserer Reise rieten Uru und mir von der Stadt ab. Zu dreckig, zu kriminell. In 35 Stunden würden wir es wohl selbst sehen. Dies war unsere letzte Fahrt in der dritten Klasse.

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Zwischenstopp mit Zwischeneis

Der Tag beginnt: Guten Morgen Sibirien, guten Morgen ihr Birken da draußen, guten Morgen ihr kleinen süßen Holzhäuser an den Gleisen, guten Morgen ihr frohes Volk im Zug, guten Morgen üblicher Stau vor dem Klo, guten Morgen überdimensionaler Wasserkocher, an dem ich mich schon so oft verbrannt habe, guten Morgen transsibirische Eisenbahn! Was kannst du mir heute bieten? Mein Magen brummte.
Es wird Zeit etwas zu essen. Uru und Ich haben uns vor der Fahrt mit Fertigsuppen, Obst und Brot eingedeckt. Daneben bekamen wir von unsere Gastgeberin aus Novosibirsk ein reiches russisches Mahl auf dem Weg: Kuriatniki (Hühnerstall). Ein Hühnerbein gebacken im Teigmantel mit Zwiebeln und Soße. Fettig und super sättigend. Gut gegen die nicht vorhandene Kälte. Noch war Sibirien warm und es würde noch heißer werden.

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Russische Kost auf Reisen (Marmelade und Piroschki)

Freizeit(vergnügen)

Die Freizeit verbrachten wir mit Kartenspielen, Lesen und der ewigen Suche nach einer freien Steckdose auf den Gängen. Urus Laptop musste am Leben gehalten werden. Er war ein wunderbares Werkzeug, um unsere Erlebnisse der Reise in Schrift und Bild zu speichern. Und nicht zu vergessen, ein Medium für die tollen Filme und Serien die wir endlich mal sehen konnten. Dr. Who brauchte seine Zeit.

Schwierig war die Stromversorgung im Zug schon, denn die zweite und dritte Klasse war noch nicht im Handyzeitalter angekommen. Die wenigen freien Steckdosen auf den Korridoren wurden immer belegt. Die freien dagegen, die etwas geschmolzen aussahen und ab und zu knisterten, vermied ich aus Sicherheitsgründen.

Auf manchen Fahrten suchten wir einfach das Bordrestaurant des Zuges auf. Es war ein prima Ort für freie Steckdosen und überteuertes Essen. Die Bedienung und der Koch waren wenig begeistert uns arme Studenten zu sehen. Auch trugen unsere Bestellungen, „ein ‚billiges‘ Bier bitte!“,  nicht zu ihrer Stimmung bei. Halb so schlimm dachte ich. Die Restaurants waren immer so gut wie leer. Ab und zu verirrten sich einige Touristen hierher, meist Japaner oder Amerikaner. An sonst blieb die Bedienung gelangweilt und grantig.

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Zum Glück hilft Musik gegen schlechte Laune

Von den erhofften betrunkenen Russen fehlte jede Spur. Die Alkoholpreise waren hier auch unerhört teuer. Da betrinkt man sich doch lieber mit seinem eigenen Stoff. Es scheint, als könnte ich euch keine besondere Alkoholgeschichte bieten. Vielleicht hat das neue Russland ja von seinem ehemaligen dauerbesoffenen Präsidenten gelernt. Oder ich war einfach nur an falschen Ort zur falschen Zeit. Wie auch immer. Alkohol wich uns aus. Zum Leidwesen von Uru, weil sie sich wilde russische Partys erhofft hatte.

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Ohne Alkohol geht es dennoch voran

Feuer

Die letzten zehn Stunden auf der Fahrt sollten eigentlich über den schönsten Abschnitt der transsibirischen Strecke verlaufen: Den Baikalsee und seiner Landschaft. Bemerkenswert war unsere Aussicht auf jeden Fall, aber auf eine ganz andere Weise. Entlang der endlosen Steppen und Wälder war ein Flächenbrand ausgebrochen, welcher seit Tagen wütete und eine Landschaft von mehreren hunderten Quadratkilometern mit dicken Rauchwolken umhüllte. Der graue Schleier hing auch über dem See und anstatt himmelblauen Wasser sahen wir ein monotones Spiel von grau-weiß. Ein bisschen vergleichbar mit dem Blick aus dem Flugzeug, wenn man gerade die Wolkendecke durchfliegt.

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Stellt euch einfach dazu die Musik aus “Herr der Ringe” vor

In dem düsteren Schleier schien die Sonne in einem fast bedrohlichen rot. Ein solches rot habe ich noch nie gesehen. Uru meinte, es mache den Eindruck, als seien wir in Mordor.

Beunruhigend fühlte sich die Situation schon an. Ich redete mit den Passagieren an Bord. Diese spekulierten über die Ursache des Brandes: Klimawandel, Regierungsverschwörung, Japaner u.s.w. Nichts was den Menschen wirklich Angst machte. Ich entspannte mich.

Ulan Ude

Unsere Station in Ulan Ude haben wir kaum kommen sehen, denn auch die Stadt war fest im Griff des Rauches. Er beschränkte die Sicht enorm und dämmte die Geräusche der Straßen. Seltsamerweise lag kein Geruch in der Luft. Kein verbranntes Gras, kein gegrilltes Wildschwein. Eine solche Situation war für mich neu. Meine tierischen Instinkte schlugen an, doch eine tatsächliche Gefahr war nicht vorhanden.

Die Stadt blieb uns den gesamten ersten Tag im Grau verborgen. Nur in der Nacht schimmerten farbige Lichter gegen den Nachthimmel und umzeichneten die Größe der Stadt.  Unser Gastgeber, ein Freund meiner Mutter, machte unseren Aufenthalt in Ulan Ude ausgesprochen herzlich und abwechslungsreich. Vielen Dank Bato!

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Bato mit Frau und Kind…und Mr. Eggmustache

Dies wird eine eigene Geschichte werden. Soviel vorweg: Ulan Ude war die wohl außergewöhnlichste Stadt auf unserer Strecke gewesen. Sie präsentierte uns die Vielfalt der russischen Kultur. Die Wurzeln der Stadt waren durch die bureatischen, mongolischen und russischen Einflüsse geprägt.

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Dach eines buddhistischen Tempels

Ebenso die Menschen. Sie bewegten sich auf der Straße in russischen und bureatischen Gruppen, sprachen unterschiedliche Sprache und fühlten sich dennoch einer Nation zugeordnet. Die Stadt war durch und durch sowjetisch geprägt. Der gewaltige Kopf des Genossen Lenin zeugte noch heute davon.

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Der größte Kopf der Bolschewisten, Lenin

Wie war die Reise diesmal? Habt ihr unterwegs Fragen aufgeschnappt oder seid ihr vom schlechten Text eingeschnappt?

Lasst ein Kommentar zurück und wir sehen uns in einpaar Tagen.

Artur

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