Die transsibirische Eisenbahn (4) – Wasser

Das Bild

Die Reise durch das größte Land der Erde geschieht in unglaublicher Geschwindigkeit. Hätten wir nicht ab und zu angehalten, so wäre etwas unvollkommen geblieben. Die Städte entlang der transsibirischen Strecke bilden erst den Reiz. Sie erzählen eine eigene Geschichte von der Vergangenheit und Gegenwart Russlands. Jede von ihnen ist das Puzzelstück für ein ganzes Bild, das von Herausforderung und Erfolg erzählt. Natürlich nur, wenn man zuhört.

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Blick in eine hoffnungsvolle Zukunft 4

Richtung Osten

Wir übernachteten vier Tage bei unserem Gastgeber in Ulan Ude. Die Stadt erschien uns weder dreckig noch kriminell, wie man uns weis machen wollte, nur ein bisschen klein und nostalgisch. Vielleicht war der Rauch daran schuld (Mehr dazu im letzten Artikel, HIER). Durch ihn konnten wir auch unser Ziel nicht erfüllen: Den Baikalsee zu sehen. Dieses Naturwunder blieb durch eine Naturkatastrophe verschlossen.

 

Am vierten Tag reisten wir zu einer unmöglichen Zeit (4 Uhr morgens) ab. Wie bereits in den zweiten Teil des Reiseberichts angedeutet, habe ich die Moskauer Zeit der Bahn nicht beachtet. Ich rechnete fest mit der regionalen Zeit. So verließen wir Ulan Ude in der kühlen Morgenluft. Der Sommer schien sich hier vor dem herannahenden Herbst zu verbeugen. Wie die Vögel, zogen wir weiter Richtung Osten. Richtung Sonne. Wladiwostok.

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Gleich geschafft!

Sibirien auf langer Sicht

3500 Kilometer und 63 Stunden trennten uns von der Endstation, dem Ende der Reise. Diesen letzten Abschnitt verbrachten wir in der zweiten Klasse eines transsibirischen Zuges. Wie sich diese von der dritten Klasse unterscheidet, könnt ihr HIER (engl.) nachlesen.
Wir teilten uns die Kabine mit zwei anderen Passagieren: Einen älteren Herrn mit einem ruhigen Charakter und einem bureatischen jungen Mann. Von dem Jugendlichen kann ich nicht viel berichten, denn er schlief die gesamte Fahrt über. Nichts schien ihn zu stören. Auf meine Angst hin, dass er vielleicht gar nicht mehr am Leben sei, antwortete er zwischendurch mit einem Schnarcher. Soviel zur Kommunikation.
Der ältere Herr war ein interessanter Reisebegleiter. Er teilte mit uns seinen Proviant und erzählte etwas aus seinem Leben:

Er reise auf der Strecke zwischen Irkutsk und Wladiwostok zweimal jährlich. Seine Arbeitsstelle befand sich in der Stadt am Baikalsee. Er renoviert die sibirischen Straßen vor dem Wintereinbruch. Diese Arbeit muss sehr hart sein, denn sein Gesicht zeigte sehr müde Züge. Doch ich hatte keine Ahnung. Als er mir sein Alter verriet (45!) verfiel ich in eine innere Depression.

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Porträt eines Arbeiters

Sibirien ist nichts für mich.

Wasser

Noch unbarmherziger war die Natur auf unserem Weg. Wie die Farben am Fenster, wechselten auch die Elemente von Feuer zu Wasser. Das Grau der Luft verschwand und schwere, dunkle Wolken erschienen am Horizont. Dann formten dicke Regentropfen eine ganze Legion von Soldaten und brachten die Erde zu Fall. Die Wiesen und Wälder hatten keine Chance. Sie verschwanden.

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Sibirien bietet deutliche Abwechslung

Über dieses Naturschauspiel konnten wir nur staunen, denn die Landschaft verwandelte sich allmählich zu „Waterworld“. Die Fluten stiegen immer weiter. Der ältere Herr bestätigte mir dennoch, dass diese Überschwemmungen während der Monsunzeit ganz normal waren. Als ich aus dem Fenster blickte und nur noch die Terrassen der Schienen sehen konnte, welche aus dem Wasser ragte, zweifelte ich daran. Unbeschwert rollte der Zug über die versinkende Landschaft hinweg. Kein Wasser stoppt einen russischen Zug.

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Die zweite Klasse bietet nicht unbedingt mehr Freiheiten

Die letzten Stunden der Fahrt flossen ebenfalls immer schneller. Zeit sich etwas zurück zu besinnen, um die Größe unserer Reise zu erfassen: Ibiza, Finnland, Sankt Petersburg, Moskau und die transsibirische Strecke. Die Hälfte der Weltreise haben wir gleich geschafft. Das größte Land der Erde in zwei Wochen. Eine super Leistung. Vor uns lagen weitere unbekannte Abenteuer. Hier würde sich Uru mit ihrem japanisch Kenntnissen auf sicheren Boden bewegen. Dazu aber mehr in anderen (engl.) Artikeln.

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Mr. Eggmustache wird auf euch warten

 

Die etwas andere Reise

Die Reise mit der transsibirischen Eisenbahn verging zu schnell, zu leicht, zu unbekümmert. Ja, es gab Probleme auf der Reise, sei es zwischen Uru und mir oder zwischen uns und den Rest der Welt (Russland). All dies war aber bereits verschwommen in der Vorfreude auf das Kommende. Was uns blieb war der zurückgelegte Weg. Wir ließen hier nicht nur Raum und Zeit hinter uns, sonder ein Teil von etwas ganz persönlichem. Uns selbst.

Plötzlich war da ein Gefühl. Der Zug fuhr noch, mechanisch und gleichbleibend rollten die Räder. Die Sinne richteten sich wie durch eine Hypnose nach innen. Etwas fehlte. Ja, ein gewisser Druck hat sich gelöst. Die Angst vor der eigenen Zukunft verschwandt auf der Strecke. Das Morgen schien unbedeutend im Rausch der errungenen Freiheit. Auf der Reise richteten sich die Gedanken auf den Moment, auf das Hier und Jetzt. Das Morgen war ein Plan, ob er nun schief ging oder nicht, das Abenteuer ging weiter.

So ein schönes Leben, nicht wahr? Ohne wirkliche Verantwortung, ohne Alltag und auf diktierte Regeln. Warum Reisen wir nicht ständig?

Zeit, Geld und Verantwortung! Und auch der Zug kann sich nicht ohne diese Inhalte bewegen. Schließlich sind wir nur Reisende, die für einen Moment ihre Pflichten ablegen und sie in die Hände von anderen Menschen legen. Reisen ist nicht die Befreiung von der äußeren Welt, sonst hieße es ja Flucht. Reisen ist die Freiheit von sich selbst. Natürlich, sofern man einen solchen Schritt wag. Die transsibirische Eisenbahn eine dieser Freiheiten. Der Zug bringt dich an unbekannte Orte, manchmal sogar an verschlossene Türen in dir selbst. Es ist DIE Reise. Die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft trifft sich hier gemeinsam auf der Strecke mit hunderten weiterer Seelen. Wer sich öffnet, wird unvergessliches erfahren.

Die Gedanken wirbelten weiter, doch  der Zug ruckelte, schwankte und hielt an. Die transsibirische Strecke nahm in Wladiwostok ihr Ende. Für manch Anderen war es hier der Anfang.

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Geschafft! Der berühmte Meilenstein am Bahnhof in Wladiwostok

 

Artur

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