Geschichten von Freunden – Ankommen

Es gibt unzählige Geschichten über das Reisen, aber wenige über das Ankommen.

Ich habe Varduhi 2012 in meinem Archäologiestudium in Tübingen kennengelernt. Da wir praktisch Nachbarn sind, sie aus Armenien und ich aus Georgien, verband uns nicht nur die russische Sprache. Ich kenne sie eigentlich nur mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen. Dieses spiegelt ihre offene und herzliche Seele wieder. Dies ist etwas, was ich sehr an ihr schätze.

Hier ist eine Geschichte, nein ein unglaubliches Märchen, von Varduhi.

Ohne Titel

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Ein bisschen zu Deutsch? Neeeee!

„I hab’s geschafft, ich hab’s geschafft!! Ich fliege nach Deutschland, in der nächsten Woche schon. Oh mein Gott, schaffe ich das alles? Werde ich vom Flughafen abgeholt? Und wie ist es mit der Sprache? Ich kann doch kaum Deutsch. Egal, ich bin schon so weit gekommen und ich bin glücklich”.

Das waren meine Gedanken- und Gefühlsexplosionen, als ich meinen Reisepass mit dem Schengen Visum im Oktober 2011 erhielt. Im Oktober habe ich auch Geburtstag und so sind alle meine Freunde, Studienkollegen, Verwandten und Nachbarn gekommen, um sich von mir zu verabschieden und einen schlauen Rat auf den Weg zu geben (“Zieh dich warm an!”, “Deutsche Männer sind schüchtern”).

Am nächsten Tag wurde ich ganz herzlich von den „ach so kalten Deutschen“ begrüßt. Ich bin als Volontärin in ein kleines Städtchen im Nordrhein Westfalen gekommen. Dort arbeitete ich als Betreuerin im Jugenddorf. Dafür musste ich mein Masterstudium als Archäologin in Armenien aufgeben. Später jedoch habe ich mir meinen Studientraum erfüllt: Ich konnte in Tübingen meinen Master als Archäologin fortsetzen (und erfolgreich abschloss).

Noch lebte ich ein anderes Kapitel in Deutschland. In Versmold, so hieß das kleine Städtchen, habe ich viele nette Leute kennengelernt und die meisten sind zu guten Freunde geworden. Ich war steht’s neugierig und abenteuerlustig, wollte vieles sehen und noch mehr lernen. So habe ich das Fahrradfahren und das Schwimmen erlernt. Daneben webte, malte und spielte ich Badminton. Das  richtig deutsche Trinken gehörte auch dazu (obwohl bis heute nicht mit den Anderen mithalten kann J ). Später war ich auch zum ersten Mal in einer Disko. Ich fühlte mich frei, glücklich und auch emanzipiert!

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Sicher Fahrrad fahren, war schon fast ein Luxus für mich.

Reisen konnte ich auch. Viel sogar. Also so viel, wie es mein kleines Taschengeld als Volontärin erlaubte. Egal wo ich mich in Deutschland befand, überall traf ich auf liebe und hilfsbereite Menschen. Sie kümmerten sich herzlich um mich,  trotz meiner geringen Deutschkenntnissen und meiner leicht verwirrenden Art. Keiner von ihnen ließ zu, dass ich mich fremd in diesen Land fühlte.

Einer dieser Menschen war meine liebe Simone. Wir arbeiteten zusammen im Jugenddorf. Wohnten auf dem gleichen Gelände und unternahmen so einiges zusammen. Sie war immer dabei, egal ob ich gerade wunschlos glücklich war oder ob ich aus lauter Liebeskummer und Heimweh mich quälte. Eine richtige Freundin eben, mit einem deutschem Charakter und einem armenischen Temperament.

In meinem anstrengenden und anspruchsvollen Alltag vergaß ich nie, was mein eigentliches Ziel und was mein Traum waren: Das Studium an einer deutschen Hochschule. Schon in Armenien hatte ich gute Kontakte mit Tübinger Archäologen geknüpft und mit ihnen die ein oder andere Ausgrabungen geführt.

Dann passierte es, eine weitere Eruption in meinem Kopf: Ich erhielt im März 2012 eine Zusage von der Tübinger Universität. Noch hatte ich keinen Sponsor und auch keine Ahnung, wie ich das Studium finanzieren sollte. Für die Verlängerung meines Visums benötigte ich 8000 Euro auf meinem Konto. Aber woher sollte ich das Geld bekommen? Ich saß tage- und nächtelang am PC und habe nach möglichen Stipendien gesucht und den Stiftungen geschrieben. Aber alles um sonst!  Keine Deutsche, keine Europäerin = keine Chance.

Doch wie immer hatte ich ganz tolle Leute, die mir halfen. Zum Beispiel Simone. Sie wollte mich mit ihrem Bruder verkuppeln. Ich könnte ihn doch heiraten und bräuchte kein Visum mehr. Ein anderer Kollege wollte während der Ferien auf Hochzeiten singen und das verdiente Geld für mich sparen. Andere Freunde wollten Kekse backen und verkaufen, also eine Spende für mein Studium. Das wäre doch ein wunderbares Stipendium, meinten sie. Ihre Ideen und ihr Tatendrang rührte mich sehr und gab mir Kraft, um neue Wege zu suchen.

Auf der Suche nach Geld für mein Visum, fand ich auch die Liebe. Irgendwie gehen die guten Dinge Hand in Hand im Leben. Ich lernte die Mutter meines zukünftigen Ehemannes kennen. Natürlich brachte sie uns zusammen, doch dies ist eine andere Geschichte.

Die Zeit verging schnell. Mittlerweile kannten mich alle in Versmold. In den Zeitungen waren Artikel über mich erschienen und die Leute kamen auf mich zu. Dadurch lernte ich auch meine „gute Fee“ kennen. Nach dem Erscheinen der Artikel sprach mich mein Mentor an und sagte, dass eine alte Dame (Frau G.), Lehrerin in Ruhestand, blind, mich kennenlernen möchte. Sie würde mir helfen, mein Deutsch zu verbessern. Ich war sehr froh über diese Gelegenheit und ging gleich zu ihr.

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Ich bin in der Zeitung!!!

Sie ist eine ganz tolle, intelligente und lebensfreudige Dame. Hätte ich nicht gewusst, dass sie blind ist, hätte ich es nie erahnt. Ich bin immer häufiger zu ihr gegangen. Wir unterhielten uns stundenlang über alles Mögliche: Politik, Geschichte, Kunst, Religion, Welt. Die Gesprächsstoffe ging uns nie aus.

Jetzt wurde die Zeit knapp, ich hatte nur noch wenige Monate für mein Visum und noch keine 8000 Euro beisammen. Ich wurde immer nervöser und verspannter. Das fiel Frau G. natürlich auch auf, obwohl sie es nicht sehen konnte. Ich erzählte ihr meine Probleme. Eigentlich erschien mir das Angebot meiner Freunde und Arbeitskollegen sinnvoll: Jeder lieh mir soviel Geld, wie er wollte und ich gab es später zurück. Frau G. fand diese Idee in Ordnung und meinte, sie wäre bereit mir etwas Geld zu leihen

Eines Tages, früh am Morgen, klingelte das Telefon und Frau G. sprach am anderen Ende der Leitung. Sie sagte, dass das ganze Geldsammeln eine doch unsichere und verwirrende Sache sei. Sie bot mir lieber gleich die ganze Summe an. Natürlich fragte sie nach meinem Einverständnis. Ich hatte keine Worte. Eigentlich konnte ich es nicht glauben, dass es wahr ist. Ich bedankte mich bei ihr und legte fassungslos den Hörer auf. Das kann doch nicht wahr sein: Soviel Geld von einer Frau, die selber sehr sparsam und bescheiden lebt. Sie hilft mir? Unglaublich!

Auf jeden Fall war das ein schönes Märchen, wo die gute alte Fee dem armen Mädchen hilft. Drei Jahre später habe ich mein Studium abgeschlossen und meine Masterarbeit Frau G. gewidmet.

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Geschafft, ich bin in Tübingen

 

Varduhi Raiwa (geb. Vardazaryan)

 

Vielen Dank fürs Lesen!

Habt ihr Fragen oder bewegende Kommentare? So verewigt euch im entsprechenden Bereich.

Anregungen eine eigene Geschichte zu schreiben? Immer her damit 🙂

 

Artur

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